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Angekommen

Jun 2021 | Meisterbrief

Während sich das Schuljahr zu Ende neigt, befinden sich die Studierenden der MKD auf der Zielgerade. Und während ein Teil der Schüler eifrig an Bewerbung, Film und Organisation des Events vertieft ist, ist ein anderer Teil bereits auf der Suche nach Job-Angeboten, die spannende Herausforderungen, neue Aufgaben und größere Wirkungskreise mit sich ziehen. Und egal, ob sich der Weg in Richtung Arbeitswelt, Studium oder doch etwas ganz anderes spaltet – alle Meisterschüler werden ihren Weg finden.

Bereits seit kurzer Zeit befinden sich zwei Interviews mit zwei wirklich spannenden Persönlichkeiten in unseren Schubaden, die ihren Platz (im Wald) bereits gefunden haben. Wir haben bei dem Forstbeauftragten des Landes Salzburg, Michael Mitter, und Jägerin Elke Zellinger gesprochen.

Der charmante Waldhüter

Der gebürtige Oberösterreicher Michael Mitter hat im Leben schon einige Stationen in Österreich hinter sich: Nach dem Gymnasium studierte er an der Boku, arbeitete später kurz in einem Bergbaubetrieb im Pinzgau und kam später durch Fortbildungen im Bereich geografischer Informationssysteme zum Land Salzburg. »Dass ich im Bergbau wahrscheinlich nicht in Pension gehen würde, das war mir klar. Also habe ich mir die Frage gestellt, in welche Richtung ich mich beruflich weiterentwickeln könnte.«, erklärt Mitter. »Schließlich habe ich mir gedacht, wenn mir das Land Salzburg diese Möglichkeit gibt, ziehe ich das durch.« Mittlerweile ist er über 20 Jahre im Forstdienst tätig und als Landesforstdirektor für gesetzliche Bewilligungen und das gesamte Förderwesen rund um die Wälder in Salzburg zuständig. »So bin ich sozusagen Herr über 50.000 ha Wald« schmunzelt er.

Als »Hüter des Forstgesetztes« achtet Mitter auch darauf, dass alle Belangen rund um das Österreichische Forstgesetz eingehalten werden und setzt diese gemeinsam mit der Bezirkshauptmannschaft um. Egal ob es sich um den Wegebau für forstliche Nutzung oder die Verfolgung sogenannter »Waldverschmutzung« handelt. Zusätzlich unterstützen er und seine Behörde die Waldbewirtschafter und sind im Naturgefahrenmanagement, wie etwa Lawinen- und Hochwasserverbau tätig. Der höchste Betrag, den er je unterzeichnet habe? »Das müssten so um die 1,2 Millionen Euro gewesen sein.«, erwähnt er beinahe beiläufig. Mitter ist aktuell viel mit Bürotätigkeit beschäftigt, genießt selbst aber jeden Tag, den er sowohl beruflich oder privat im Wald verbringen darf. »Ich war immer schon gerne im Wald – das ist mir geblieben. Ich gehe gerne am Berg, gehe gerne Wandern und bin viel zu Fuß unterwegs. Und wenn ich mich dazu aufraffen kann, gehe ich sogar Laufen.« Gelingt es – wenn man beruflich viel im Wald ist – dort in der Freizeit auch noch abzuschalten? »In der Freizeit kann ich es, dass ich diese Dinge ausblende und gehe nicht mit dem Kontrollbeamten-Auge durch den Wald. Vor allem deswegen nicht schlecht, weil meine Arbeit im Wald oft konfliktbehaftet ist: Wenn der Chef schon antanzt, ist es ernst.« Waldverwüstung durch Erholungssuchende mache nur einen kleinen Teil dieser Probleme aus – hier sieht Mitter eher das Konfliktpotential zwischen den Menschen der verschiedenen Interessen, viel mehr als das der Wald an sich darunter leidet. » Der Wald – wie soll ich sagen – hält ziemlich viel aus, auch den Menschen. Allerdings merkt man schon, dass die Belastungen für den Wald insgesamt sehr groß werden.«

Die Zukunft des Waldes sieht der Forstbeauftragte nicht aussichtslos: »Es gibt Regionen oder Bereiche wo es durchaus dramatisch ist, wo man auch Fehler der Vergangenheit jetzt ausbaden muss.« Durch die langen Lebenszyklen von über 100 Jahren wird die Vergangenheit auch relativ lange mitgeschleppt. Bis Eingriffe und Korrekturen getätigt sind und wirken, entsteht oft der Eindruck, dem Wald geht es momentan nicht gut. »Das heißt aber nicht, dass es ihm immer schlecht gehen muss.«, steht Mitter dieser Herausforderung optimistisch gegenüber und zieht einen Vergleich: »Wir haben in den 80er Jahren gesehen: Die Waldsterbensdebatte hat ja eigentlich durch Filter und Behandlung der Luftschadstoffe einen unglaublichen Innovationschub in der Industrie ausgelöst. Seitdem geht es dem Wald wieder besser, das Thema Waldsterben haben wir nicht mehr.« Und die Klimakrise? »Auch hier ist es auch wieder schwierig, denn wir müssen den Wald fit machen für ein Klima, dass wir vielleicht in 50 Jahren haben – und er muss aber jetzt auch wachsen, sonst kommt er nicht so weit.« stellt er fest und lächelt zuversichtlich. »Aber es gibt schon einige gute Ansätze, dass auch zum Schluss wieder ein vitaler und gesunder Wald überbleibt.«

Die mutige Jägerin

Ebenfalls seit Kindesbeinen an ist Jägerin Elke Zellinger vom Wald begeistert. Diese Faszination – angespornt durch die leidenschaftlichen Erzählungen eines Freundes bewegten die damals 40-Jährige, selbst die Jagdprüfung abzulegen. Um diese »Naturerlebnisse«, wie die hauptberufliche Professorin diese Ausflüge in den Wald nennt, noch besser verstehen zu können, hat ihr die Ausbildung zur Jägerin viel geholfen. »Ich konnte dadurch neue interessante Zusammenhänge herstellen, vielseitige Fähigkeiten erlernen, einen anderen Blickwinkel einnehmen und für mich einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen.«, beschreibt Zellinger.

Dieses neue Bewusstsein ist für die Jägerin ein wichtiger Wendepunkt: »Ich habe mir Gedanken gemacht und für mich entschieden mich gesünder und autonomer abseits der Industrie ernähren zu wollen. Mit unsere neuen gemeinsamen Firma, der ›Wildkulinarik Zellinger & Zöchbauer‹ konzentrieren wir uns auf nachhaltige und biologische Veredelung von Wildprodukten. Aktuell produzieren und vertreiben wir unsere eigenen Wildpasteten in Kooperation mit einem regionalen Fleischermeister.« Ziel Zellingers ist hier eindeutig nicht nur qualitativ hochwertige Produkte herzustellen, sondern auch das romantisierte Naturverständnis zu hinterfragen: »Dass Wildtiere im Wald oft beträchtliche Schäden anrichten können, ist leider auch eine Tatsache. So fressen Rehe und Hasen gerne die jungen Triebe von den Bäumen ab, Wildschweine wühlen ganze Wiesen um, Rehböcke reiben sich an jungen Bäumen die gerade austreiben. Und wenn Raubtiere überhand nehmen, haben Jungtiere wie Rehkitze, kleine Feldhasen, Rebhühner oder Fasankücken keine Überlebenschance.« Aber auch beim Verständnis für die weitere Verwertung der Tiere muss die leidenschaftliche Jägerin hin und wieder schmunzeln: »Wenn ich erzähle, dass ich jagen gehe, meinte eine Person ›mir tun die Tiere so leid!‹ Kurz darauf kamen die zwei Hauskatzen dieser Person angelaufen, um sich gierig auf ihre Futterschüssel zu stürzen. Am Esstisch wurde Prosciutto Schinken aus Italien serviert.« Und genau hier will Zellinger ansetzen. » Denn Wildfleisch ist ein kostbares Gut.«

Nicht nur mit selbst gemachten Produkten für den Endkonsumenten: Zellinger selbst sieht auch ein Umdenken bei den Jägern selbst. »Bei meinem erster Ausflug – während der Ausbildung zur Jägerin – wollte mir selbst ein Bild von den Menschen und der Jagd machen. Mittlerweile sind meine Partnerin Ulli und ihr 82-jähriger Vater ein eingespieltes Dreiergespann und verfolgen eine gemeinsame Leidenschaft. Wir lernen viel voneinander.« In ihrem Revier in Niederösterreich beträgt der Anteil an aktiven Jägerinnen rund 10 Prozent. Bei den Anmeldungen der Jagdkurse liegt der Anteil der Frauen schon bei 20 Prozent. »Die gesellschaftliche Rollenbilder und das Selbstverständnis von Jägerinnen entwickelt sich weiter.«, berichtet sie stolz.

Aber nicht nur die Jagd beschäftigt sie. »Ein wichtiger Teil der Jagd ist die Hege und Pflege des Reviers und der Wildtiere. Das bedeutet auch den Müll, den andere in den Wald geworfen haben, zu entsorgen. Im Winter müssen Futterstellen aufgefüllt und im Sommer genügend Wasserstellen mit frischem Wasser befüllt werden.«, beschreibt Zellinger ihre Aufgabe »Jagen zu gehen ist schon mehr als nur ein Ausgleich, die Natur und das Beobachten der Tiere sind für mich ein essenzielles Erlebnis. Mich interessieren Abläufe, Strukturen und Prozesse. Ich will verstehen und nachvollziehen können.«
Um sich dieses Verständnis auch selbst anzueignen, empfiehlt Zellinger die »grüne Matura« zu absolvieren – »egal ob man dann jagen geht oder nicht. Dadurch bekommt man ein umfassendes Wissen über Zusammenhänge und kann sich eine eigene Meinung bilden, um die jagdliche Tradition und Bräuche zu verstehen – und auch den Begriff der ›Weidgerechtigkeit‹ für Jägerinnen und Jäger.« Und auch wenn Zellinger noch viele Konflikte, vor allem aber Missverständnisse und Unwissen, zwischen Menschen und Jagd sieht, steht sie der Herausforderung, diese zu überwinden, sehr zuversichtlich gegenüber.

Text von Madlen Dorfner