»Spürst du das auch?«

17:46 Uhr. Die Sonne steht tief. Der Himmel – ein künstlerisches Farbenspiel aus zartrosa und orange. Die Bäume ringsum der Lichtung werfen weite Schatten. Ich spüre die letzten Sonnenstrahlen auf meiner Haut tanzen, bis die Sonne sich unter die Wipfel der Bäume senkt. Nur wenige Minuten vergehen vom Sonnenuntergang bis zur totalen Finsternis. Es wird Zeit nachhause zu gehen – noch bevor es dunkel wird.

Da liegt er vor mir, der sonst so belebte Wald, ruhig und still, gar leblos. Ich lausche dem Knistern der Äste und Blätter bei jedem meiner Schritte. Langsam und bedacht setze ich einen Fuß vor den anderen. In Gedanken verloren streift meine Hand einen Farn am Wegrand. Überrascht halte ich inne, spüre zum ersten Mal seine Einzigartigkeit, Fasern und Strukturen. Verwirrt von meiner eigenen Ergriffenheit, beschleunige ich meinen Gang. Es war doch nur ein Farn wie jeder andere. Allein in diesem Wald wachsen hunderte davon. Und doch lässt mich das Gefühl an meiner Hand nicht los, wie das Kribbeln in den Fingern eines kleinen Kindes, wenn es durch die Plüschtier Abteilung des Spielzeugladens geht. Keine Zeit unnötig Dinge zu berühren, ich muss nachhause. Doch als mein Blick auf einen mit Moos bewachsenen Stein fällt, spüre ich den Drang ihn aufzuheben. Das Moos weich und etwas rau zugleich, der Stein kalt und hart. Normalerweise hätte ich ihn weggeworfen, angenommen ich hätte ihn überhaupt beachtet, doch heute war etwas anders. Behutsam lege ich ihn an seinen Platz zurück. Gepackt von der Anspannung und der selten zuvor gefühlten Neugierde sehe ich mich um. Rinde. Individuell wie ein Fingerabdruck, keine Maserung entspricht der anderen – unvergleichbar. Langsam, wenn Formen mitsamt ihren Farben inmitten der Dunkelheit verschwinden, wird alles anders. Nichts bleibt, außer den Strukturen und Oberflächen der Vielfalt des Waldes. Erschrocken, da mir nichts dergleichen bisher aufgefallen ist, nein, eher überwältigt, fasziniert und begeistert setze ich meinen Weg fort. Stille. Nur der Wind bewegt die Äste und deren Blätter. Ein Rauschen, dass ich bewusst nie auf diese Weise hörte, lässt mir Schauer über den Rücken laufen. Musste ich erst alle anderen Einflüsse um mich herum ausblenden, um die wahre Vielfalt und Schönheit des Waldes zu sehen? Wer des Waldes wahre Schönheit spüren will, muss blind durch den Wald laufen.

Womöglich gingen unserer Daniela die selben Gedanken durch den Kopf, als die Faszination plötzlich überhand nahm. In ihrer Fotoserie schenkt Daniela Gruber Strukturen und Oberflächen des Waldes die Beachtung, welche sie für ihre Unvergleichbarkeit auch verdienen. Erkennt ihr worum es sich handelt?
Warum Mahatma Gandhi bei Danielas Projekt eine maßgebliche Rolle einnimmt, bleibt uns nicht vorenthalten und auch über die Beweggründe hinter ihrer Arbeit dürfen wir aufklären.

Woran sollen uns die fotografierten Studien erinnern, welche Gefühle sollen diese in uns hervorrufen, bzw. worauf soll die Aufmerksamkeit gelenkt werden?
Ob Pilze, Farne, Blätter oder Baumrinden: Der Wald bietet unglaublich viele unterschiedliche Pflanzen und somit Oberflächen und Strukturen. Jede dieser Struktur ist einzigartig und kommt nur in der Natur in dieser Form vor. Ich will mit meinen Fotografien einen Blick auf diese Vielfalt lenken. Es soll in Erinnerung gerufen werden, dass die Wälder essentiell für uns sind, deshalb sollten wir achtsam damit umgehen.

Wie hast du deine Inspiration für dein Projekt gefunden?
Ein Spaziergang durch den Wald reicht aus, um genug Inspiration für eine solche Arbeit zu bekommen. Der Klimawandel und die Nachhaltigkeit sind präsente Themen und betreffen natürlich auch die Wälder. Mit meinem Projekt will ich diese Themen aufgreifen und den Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt in Frage stellen.

In welche Verbindung mit den Zitaten von Mahatma Gandhi stellst du die Strukturen des Waldes? Warum fiel deine Wahl hierbei genau auf Gandhi?
Die Oberflächen im Wald bleiben nicht für immer so bestehen, wie auf den Fotos festgehalten. Sie verändern sich, wachsen oder werden oft auch durch die Menschheit zerstört. Das Bild der Baumrinde, das zerspringt, soll diese Achtlosigkeit darstellen. Das Zitat von Ghandi unterstützt die bildliche Sprache sehr gut. Es soll einen Denkanstoß geben, auf unsere Umwelt mehr Acht zu geben und zum Überlegen anregen, was wir dazu beitragen oder was wir an unserem Verhalten ändern könnten.

Text von Iris Wiesner
Bild von Daniela Gruber