Coming Home

Zweimal habe ich für diese Fotografien meine Sachen gepackt und bin über den trockenen, kaum 50 Meter breiten Wiesenstreifen gestapft, der unser altes Bauernhaus vom angrenzenden Wald trennt. Das Gelände hier ist hügelig und fällt gleichzeitig stark nach Süden ab, ein bescheidener Bach hat über Jahrhunderte ein kleines Tal in die Ausläufer der Böhmischen Masse geformt. Als es mich zum ersten Mal diesen Herbst über die Wiese hin zum Wald zog, hat es gerade geregnet. Die abgeknickten, ausgetrockneten – vor allem aber toten – Gräser und der sandige Untergrund ließen es kaum zu, dass der Boden Wasser aufnimmt.

Im Sommer ist es hier wunderschön, wenn zum Rauschen des Baches das Summen der Insekten und der Gesang der Vögel trifft, wenn sich die Blumen und Kräuter der Heuwiese in rot, gelb und weiß vom restlichen Grün der Wiese abheben und sich im Wind neigen. Doch an diesem kargen Herbsttag lag der Nebel tief im Tal, die Wiese war braun. Die Kamera schlug bei jedem meiner Schritte an meine Hüfte, während ich versuchte, in einer Hand Elchgeweih und Habicht, in der anderen Reh und Rebhuhn zu balancieren. Sicherheitshalber – und vor allem weil es nicht meine eigene war – habe ich die Kamera in ein Stoffsackerl des örtlichen Bäckers gewickelt.

Die Liste der vorangegangenen Vorbereitungen war kurz. Erstens wusste ich ohnehin, dass ich beim ersten Mal im Wald nicht zufrieden sein werde und zweitens, weil ich irgendwie innerlich auch der Überzeugung bin, dass es für eine gewisse Professionalität spricht, mich an einem Probe-Shoot zu versuchen und mich erst dann der realen Umsetzung zuzuwenden. Auch die Idee, »meine Tiere« in den Wald zu karren, wurde nicht mühsam erarbeitet und geformt, sondern war, wie manch andere kleine Einfälle oder große Ideen, einfach-mal-so als Gedanken da. Dem Ganzen ging der Arbeitsauftrag voraus, eine Doppelseite zu gestalten, die »kommuniziert«. Zu Beginn gar nicht so einfach, denn ein besonderes Gefühl verbindet mich ja nicht mit dem Wald. Er war einfach immer da, immer nahe, ich immer dort. Nicht nur die örtliche, auch die emotionale Abgrenzung ist zu fein, um sie überhaupt als nennenswert betiteln zu können. Aber Verschiebung kommuniziert, und in den Regalen und Kästen auf dem voll gerempelten Dachboden findet sich genug, ursprünglich aus dem Wald, was sich nun geradezu anbietet, dorthin zurückgetragen zu werden.

Mein Opa war stolzer, aber auch verantwortungsbewusster Jäger. Das eine begründet die unzähligen Jagdtrophäen, die unser Haus schmückten, das andere irgendwie weniger. Jäger ist man aus voller Leidenschaft, nicht nur aufgrund der Jagd, sondern auch aufgrund des Jäger-Seins selbst. Eine eingeschworene Gruppe aus Männern, die am Sonntag Vormittag in immer gleicher Runde, zur immer gleichen Zeit und natürlich am immer gleichen Tisch im immer gleichen Wirtshaus sitzt. Doch der Schein trügt. Diese Männer wissen, wo der beeindruckendste Bock seinen Sommer verbrachte, welche Geiß die schönsten Söhne hat und wie alt das Kitz ist, das sie vom Auto aus beobachten. Ohne als Kind bewusst hinzuhören, habe ich viel gelernt. Doch mit der Zeit, mit der mein Opa älter wurde, verstaubten nicht nur dieses Wissen und dieser einzigartige Stolz, sondern auch die Trophäen an den Wänden. Bis schließlich beschlossen wurde, die Staubfänger abzunehmen und am Dachboden zu verwahren.

Als eine dicke Schneeschicht den Wiesenstreif bedeckte und all den Schall verschluckte, stapfte ich mit den Tieren ein zweites Mal in den Wald. »Coming Home« sollte der Arbeitstitel heißen, mehr Erklärung will und braucht es nicht, kein Untertitel und kein erklärender Paragraf – einfach nur die toten Tiere, die in den Wald gesetzt wurden. Sie stehen genau so für Waidgerechtigkeit, Veganismus, Barbarismus, das alte Erbe der Jägerschaft – als ob sie eben diese auch hinterfragen und anzweifeln. Und obwohl, oder gerade weil, diese Tiere einfach nur so mitten im Wald sitzen, hat diese Fotoserie so einiges zu erzählen.

Text und Bild von Madlen Dorfner

Spürst du das auch

17:46 Uhr. Die Sonne steht tief. Der Himmel – ein künstlerisches Farbenspiel aus zartrosa und orange. Die Bäume ringsum der Lichtung werfen weite Schatten. Ich spüre die letzten Sonnenstrahlen auf meiner Haut tanzen, bis die Sonne sich unter die Wipfel der Bäume senkt. Nur wenige Minuten vergehen vom Sonnenuntergang bis zur totalen Finsternis. Es wird Zeit nachhause zu gehen – noch bevor es dunkel wird.

Da liegt er vor mir, der sonst so belebte Wald, ruhig und still, gar leblos. Ich lausche dem Knistern der Äste und Blätter bei jedem meiner Schritte. Langsam und bedacht setze ich einen Fuß vor den anderen. In Gedanken verloren streift meine Hand einen Farn am Wegrand. Überrascht halte ich inne, spüre zum ersten Mal seine Einzigartigkeit, Fasern und Strukturen. Verwirrt von meiner eigenen Ergriffenheit, beschleunige ich meinen Gang. Es war doch nur ein Farn wie jeder andere. Allein in diesem Wald wachsen hunderte davon. Und doch lässt mich das Gefühl an meiner Hand nicht los, wie das Kribbeln in den Fingern eines kleinen Kindes, wenn es durch die Plüschtier Abteilung des Spielzeugladens geht. Keine Zeit unnötig Dinge zu berühren, ich muss nachhause. Doch als mein Blick auf einen mit Moos bewachsenen Stein fällt, spüre ich den Drang ihn aufzuheben. Das Moos weich und etwas rau zugleich, der Stein kalt und hart. Normalerweise hätte ich ihn weggeworfen, angenommen ich hätte ihn überhaupt beachtet, doch heute war etwas anders. Behutsam lege ich ihn an seinen Platz zurück. Gepackt von der Anspannung und der selten zuvor gefühlten Neugierde sehe ich mich um. Rinde. Individuell wie ein Fingerabdruck, keine Maserung entspricht der anderen – unvergleichbar. Langsam, wenn Formen mitsamt ihren Farben inmitten der Dunkelheit verschwinden, wird alles anders. Nichts bleibt, außer den Strukturen und Oberflächen der Vielfalt des Waldes. Erschrocken, da mir nichts dergleichen bisher aufgefallen ist, nein, eher überwältigt, fasziniert und begeistert setze ich meinen Weg fort. Stille. Nur der Wind bewegt die Äste und deren Blätter. Ein Rauschen, dass ich bewusst nie auf diese Weise hörte, lässt mir Schauer über den Rücken laufen. Musste ich erst alle anderen Einflüsse um mich herum ausblenden, um die wahre Vielfalt und Schönheit des Waldes zu sehen? Wer des Waldes wahre Schönheit spüren will, muss blind durch den Wald laufen.

Womöglich gingen unserer Daniela die selben Gedanken durch den Kopf, als die Faszination plötzlich überhand nahm. In ihrer Fotoserie schenkt Daniela Gruber Strukturen und Oberflächen des Waldes die Beachtung, welche sie für ihre Unvergleichbarkeit auch verdienen. Erkennt ihr worum es sich handelt?
Warum Mahatma Gandhi bei Danielas Projekt eine maßgebliche Rolle einnimmt, bleibt uns nicht vorenthalten und auch über die Beweggründe hinter ihrer Arbeit dürfen wir aufklären.

Woran sollen uns die fotografierten Studien erinnern, welche Gefühle sollen diese in uns hervorrufen, bzw. worauf soll die Aufmerksamkeit gelenkt werden?
Ob Pilze, Farne, Blätter oder Baumrinden: Der Wald bietet unglaublich viele unterschiedliche Pflanzen und somit Oberflächen und Strukturen. Jede dieser Struktur ist einzigartig und kommt nur in der Natur in dieser Form vor. Ich will mit meinen Fotografien einen Blick auf diese Vielfalt lenken. Es soll in Erinnerung gerufen werden, dass die Wälder essentiell für uns sind, deshalb sollten wir achtsam damit umgehen.

Wie hast du deine Inspiration für dein Projekt gefunden?
Ein Spaziergang durch den Wald reicht aus, um genug Inspiration für eine solche Arbeit zu bekommen. Der Klimawandel und die Nachhaltigkeit sind präsente Themen und betreffen natürlich auch die Wälder. Mit meinem Projekt will ich diese Themen aufgreifen und den Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt in Frage stellen.

In welche Verbindung mit den Zitaten von Mahatma Gandhi stellst du die Strukturen des Waldes? Warum fiel deine Wahl hierbei genau auf Gandhi?
Die Oberflächen im Wald bleiben nicht für immer so bestehen, wie auf den Fotos festgehalten. Sie verändern sich, wachsen oder werden oft auch durch die Menschheit zerstört. Das Bild der Baumrinde, das zerspringt, soll diese Achtlosigkeit darstellen. Das Zitat von Ghandi unterstützt die bildliche Sprache sehr gut. Es soll einen Denkanstoß geben, auf unsere Umwelt mehr Acht zu geben und zum Überlegen anregen, was wir dazu beitragen oder was wir an unserem Verhalten ändern könnten.

Text von Iris Wiesner
Bild von Daniela Gruber